Schauspielerin - Juliane Köhler

Wie bist du auf das Projekt aufmerksam geworden?

Maria von Heland hat mich direkt gefragt. Wir kennen uns schon sehr lange, da wir vor vielen Jahren bei den Dreharbeiten für Sterntaler zusammengearbeitet haben. Ich fand sie damals schon toll. Sie hat eine ganz unkonventionelle Art zu drehen. Sie arbeitet absolut professionell und versteht ihr Handwerk – ist aber immer mit sehr viel Gefühl dabei. Und als sie mich fragte, ob ich bei ihrem Projekt mitmachen möchte, habe ich sofort ja gesagt. 

Warum hast du dich dafür entschieden mitzumachen – was hat dich ganz besonders gereizt?

Ich fand, dass es eine gute Idee war, schnell zu reagieren und diese außergewöhnliche Zeit und die Stimmung während der Corona-Pandemie einzufangen. Andere Produktionen haben eher versucht, das Thema Corona auszuklammern und wollten es möglichst gar nicht thematisieren. Aber ich finde es wichtig, diese schwere Zeit festzuhalten. Student*innen der Filmhochschule München hatten ebenfalls die Idee und haben die Mini-Serie „Curfew Calls“ gemacht. Darin geht es um die zahlreichen Videoschalten aus dem Homeoffice und die teilweise sehr ungewöhnlichen aber unterhaltsamen Einblicke ins Privatleben. Das war auch ein richtig gutes Projekt, bei dem ich sehr gern mitgemacht habe. Es war ein guter Schachzug von Maria von Heland, den Film zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen zu drehen. Hinzu kommt, dass es eine wirklich spannende Geschichte ist.

Die Dreharbeiten fanden unter ganz besonderen Umständen statt (Corona-Pandemie, überschaubares Team…). Wie war das für dich?

Ungewöhnlich aber faszinierend und gut. Ursprünglich war geplant, meine Figur, die Lehrerin der Hauptfigur, über Zoom-Chats in den Film einzubinden. Doch als meine Szenen gedreht werden sollten, wurden die Corona-Maßnahmen bereits gelockert. Reisen innerhalb Deutschlands und Treffen mit Personen außerhalb der Familie waren wieder erlaubt, daher haben wir den ursprünglichen Plan geändert und ich bin zum Dreh nach Berlin gefahren. 

Wir haben dann mit einem ganz kleinen Team bei Maria zuhause gedreht. Normalerweise sind am Set einer Produktion ca. 40 Personen, bei diesem Film waren es 3-4, also Maria, der Kameramann, der Tonmann und teilweise der Kameraassistent. Das war kein riesiger Apparat, sondern ein Mini-Team und dadurch eine richtig familiäre Situation. Die Dreharbeiten waren dadurch vollkommen anders, aber in so einer privaten Atmosphäre zu drehen ist auch sehr entspannt und erleichtert den Zugang zu Emotionen.

Welche Rolle hast du gespielt?

Ich spiele Madeleine Goldbrandt, die Lehrerin der Hauptfigur Lea Heilmann. Madeleine ist während des Lockdowns mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann zuhause „eingesperrt“. Sie versucht den Kontakt zu ihren Schülern über Zoom-Chats zu halten und aus dem Homeoffice zu unterrichten und muss, wie viele andere Menschen, mit dieser ausgewöhnlichen Situation klarkommen.

Maria von Heland war es wichtig, echte Emotionen einzufangen. Die Cast durfte die Figuren nach eigenen Vorstellungen mit Leben zu füllen und innerhalb der vorgegebenen Szenen Handlungen und Dialoge freier gestalten als sonst? War das eine besondere Herausforderung oder ein Geschenk?

Es gab kein festes Drehbuch und keine Dialoge. Wir haben von Maria Szenen mit Eckpunkten vorgegeben bekommen und dann wurde improvisiert. Dadurch ist aber etwas ganz Besonderes entstanden. Es hat mich irgendwie sehr an eine Familienaufstellung erinnert. Wenn man mit fremden Menschen in einem Raum ist, sie in Verhältnisse zueinander stellt, die der eigenen Familie entsprechen und plötzlich macht ein fremder Mann, der deinen Vater darstellt, genau die gleichen Sachen wie dein echter Vater. So ähnlich ist es bei den Dreharbeiten gewesen. Wir haben angefangen, die Szenen zu drehen und die Dynamik der Familie, die wir darstellten, hat jeden erfasst. Plötzlich wusste jeder genau, was zu tun ist. Das hat sich ganz automatisch aus der Improvisation ergeben. Wir haben ohne ein Rollenbuch gespielt und es sind stimmige und emotionale Szenen einer Familie entstanden. Ich komme eigentlich aus dem Theater und für mich war es daher das erste Mal ohne Drehbuch und ohne Text.  Es gibt Regisseure, die häufig mit Improvisation arbeiten, z.b. Andreas Dresen, aber für mich war es eine neue Erfahrung und es war faszinierend, wie gut das funktioniert und was für eine Eigendynamik dabei entstehen kann. Daher war es eigentlich beides – ein Geschenk, aber auch eine Herausforderung, da es für mich das erste Mal war so zu drehen.

Was hat dir bei den Dreharbeiten ganz besonders gut gefallen?

Maria und ihre Art Regie zu führen. Sie war bei den Dreharbeiten immer ganz klar, ruhig und schaffte es, einem ein starkes Grundvertrauen zu geben. Ihre Regieanweisungen haben uns sehr gut in und durch die Szenen begleitet. Als Schauspielerin fühlte ich mich sicher und konnte meine Rolle frei spielen. Und das ist etwas ganz Besonderes, wenn Regisseure es schaffen, den Schauspielern so viel Vertrauen zu geben, dass sie ohne Text und ohne Drehbuch einfach losspielen können.